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Sanchez Brakebusch

Deutsche Messe AG: Wenn die große auf die kleine Politik trifft

Die Debatte um die Zukunft der Deutschen Messe AG in Hannover reißt nicht ab. Erneut hat sich die IG Metall, die den Haustarifvertrag mit der Messe AG verhandelt hatte, zu Wort gemeldet. In der aktuellen Stellungnahme wird insbesondere die Möglichkeit einer Insolvenz des Messeveranstalters thematisiert. Die Gewerkschaft weist daraufhin, dass nicht allein die Corona-Pandemie für die Schieflage des Unternehmens verantwortlich ist. Deutlich zeige sich, dass der Vorstand der Aktiengesellschaft schon seit Jahren entscheidende Trends bei den Leistungsschauen der Wirtschaft verschlafen hat.

Ob also die aktuelle Entwicklung so überraschend daherkam ist fraglich. Bei genauerer Betrachtung bleibt  ein Interview von Messechef Jochen Köckler in Erinnerung. Im Juli dozierte er gegenüber dem Handelsblatt (Interview vom 16.7.2020) bereits von möglichen Insolvenzen in der Messebranche. Wenn die Kassen leer sind, so Köckler, dann geht es nicht um Sanierung, sondern um Rettung. Köckler weiter: „So schnell wird keine Messegesellschaft in die Insolvenz entlassen. Falls die Krise deutlich länger anhält, schließe ich aber nichts aus“.

Mit dem zweiten Lockdown scheinen sich nunmehr die die dunklen Vorzeichen allerdings zu verdichten und in Hannover macht das Schreckgespenst einer Pleite der Messe die Runde. Schnell wird dann die Forderung nach einer Kapitalerhöhung des in öffentlicher Hand befindlichen Unternehmens durch das kommunalpolitische Dorf getrieben.

Ob dies aber die richtige Forderung ist, sollte dringend auf den Prüfstand gestellt werden. Bereits jetzt ist die Messe AG von Krediten abhängig. Den letzten gab es im laufenden Jahr. Eine Kapitalerhöhung würde dagegen nur Sinn machen, wenn sie zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Unternehmens am jeweiligen Marktsegment beitragen würde. Allein hier sind Zweifel angebracht. Denn aus haushaltsrechtlichen Gründen sind solche Engagements der öffentlichen Hand nur mit einer unabhängigen Expertise einer Wirtschaftsberatung zulässig. Ob diese zu dem gewünschten Ergebnis kommt darf kritisch hinterfragt werden.

Denn die Messe AG ist keine Einrichtung der öffentlichen Daseinsführsorge auf einem regional eingrenzbaren Markt, sondern steht in der Konkurrenz mit weltweiten Anbietern von Messe- und wirtschaftsorientierten Veranstaltungsdienstleistungen. Oder um es anders ausdrücken: Über die Zukunft der Messebranche wird weder in Hannover noch in der Bundesrepublik entschieden.

So sieht es auch der Dachverband der deutschen Messebranche. Der Ausstellung- und Messeausschuss der deutschen Wirtschaft e.V. (AUMA) stellte bereits in seinem vor Jahren erschienen Zukunftsszenario 2020 eine Verlagerung der Ausstellungs- und Messeaktivitäten in den südostasiatischen Wirtschaftsbereich fest. Perspektivisch würde diese Verlagerung der ökonomischen Einflusszonen früher oder später auch Schwellenländer wie Indien und Pakistan erreichen. Bedingt durch die dynamische Bevölkerungsentwicklung würden wichtige Kaufkraftveränderungen eine weitere Veränderung der globalen Wirtschaftsschwerpunkte mit sich bringen. All das mit Folgen auf das weltweite Messegeschehen. Eine Änderung der weltwirtschaftlichen Gravitationskräfte hätte auch einen nachhaltigen Effekt auf eine globalisierte Messewelt, so die Macher der Studie. Der über 150 seitige Bericht lässt an Deutlichkeit nichts vermissen. Nur eine Neukonzeption von Messeveranstaltungen könne die Zukunft von Messestandorten sichern.

Corona hat diesen Trend nun beschleunigt. Die Entwicklung ging schon länger in Richtung virtueller Komponenten und deutete den Aufstieg kleiner aber dauerhafter Messekonzepte an, wie sie unter anderem in China erfolgreich getestet werden. Mit den während der Pandemie zu beobachten Verlagerungen wirtschaftlicher Aktivitäten auf virtuelle Handelsoberflächen und der Digitalisierung der Unternehmenskommunikation ist auch nach der Krise weiterhin zu rechnen. Es wird also wahrscheinlich keine Vor-Corona-Ökonomie mehr geben und damit auch keine Erholung der althergebrachten Messeökonomie wie sie seit Jahrzehnten in Hannover gepredigt wird. Diese Entwicklung  würde noch dadurch verstärkt, wenn Tech-Giganten wie Google und Amazon in den Messemarkt konzeptionelle Zukunftsperspektiven entdecken, wie Branchenkenner berichten. Mit den Milliarden dieser Marktbeherrscher von Zukunftstechnologien wäre die Deutsche Messe AG in keinem Fall mehr konkurrenzfähig.

Was bleibt ist ein Messegelände, dass für die an Zahl geringer werden Leistungsshows von Großmaschinen, sicherlich noch prädestiniert wäre. Ob das aber reicht auch weiterhin Globalplayer der Messewelt zu sein, muss in Hannover kritisch evaluiert werden. Seit Jahren betätigt sich die Deutsche Messe als Anbieter von Messekonzepten. In Russland, der Türkei und anderen Randzonen der Weltwirtschaft mag dies (noch) erfolgreich sein.

Allein das Scheitern der Cebit hätte jedoch in der kommunalen Wirtschaftspolitik aufhorchen lassen müssen. Ob die Verantwortlichen Willens- und in der Lage waren zu erkennen, dass im Hinblick auf die Deutsche Messe AG die Kommunalpolitik auf die ganz große Weltwirtschaftspolitik trifft kann jedoch bezweifelt werden.  Der Ruf nach einer Kapitalerhöhung allein wird den bisherigen Messestandort Hannover daher wohl eher nicht mehr retten. Dessen Zukunft hängt jetzt von Entwicklungen globaler Größenordnung ab. Es bleiben daher erhebliche Zweifel zum jetzigen Zeitpunkt bereits großzügig Steuergeldmillionen in eine Zukunft zu kanalisieren, die es vielleicht nicht oder so nicht gibt.

Immerhin sind die zentralen Fragen um die Zukunft der Messebranche zum Teil auch in Hannovers Kommunalpolitik angekommen. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung hatte Anfang November zu einer Talkrunde über die Zukunft der regionalen Wirtschaft anlässlich der Corona-Pandemie eingeladen. Auch die Spitzenbeamten von Landeshauptstadt und Region waren dort Gesprächspartner. Wie nicht anders zu erwarten, war auch die Perspektive des Messestandortes  zentraler Gegenstand der Debatte. Mit unerschütterlichen Glauben an die Zukunft der Hannover Messe zeigte insbesondere Oberbürgermeister Onay seine Kompetenz im Bereich der örtlichen Wirtschaftsstandortpolitik. Onay wörtlich: „Messen haben eine Zukunft weil Menschen sich treffen wollen“. Ob sie das zukünftig auch in Hannover wollen, lies der Grünenpolitiker indes offen.

Für die Beschäftigten der Deutschen Messe AG sind das keine guten Nachrichten. Freilich handelt es sich um gut geschultes Fachpersonal. Die Debatte um die Messe zeigt ja einmal mehr, dass in den Beteiligungsdezernaten und den kommunalen Wirtschaftsförderungsabteilungen gute Mitarbeiter benötigt werden. Die Anteilseigner der Messe wären gut beraten die Expertise der Beschäftigten in die eigene (fehlende?) Kompetenz der großen Wirtschaftspolitik einfließen zu lassen. 

Es kommentierte der Geschäftsführer der Regionsfraktion Juan P. Sanchez Brakebusch